04.09.2026

Der Verein Miteinander lernen stellt sich vor

Der Verein Miteinander Lernen – Birlikte Öğrenelim setzt sich seit 1983 für Frauen, Kinder und Familien mit Migrationserfahrung ein. Was als Nähkurs für Frauen aus der Türkei begann, ist heute eine feministische, antirassistische und parteiunabhängige Frauenorganisation mit Angeboten in den Bereichen Bildung, Beratung und Psychotherapie. Wir haben mit dem Verein darüber gesprochen, was sich in der Arbeit des Vereins über die Jahre verändert hat, welche Herausforderungen Frauen mit Migrationserfahrung heute begegnen und warum Bildung und Sprache so wichtig für Selbstbestimmung sind.

Miteinander Lernen gibt es bereits seit 1983. Was hat sich in eurer Arbeit verändert – und welche Themen beschäftigen euch heute besonders?

Was 1983 mit einem Nähkurs an der Volkshochschule Ottakring begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem Verein mit vielfältigen Angeboten. Ausgangspunkt waren immer die Bedürfnisse der Frauen. Frauen wollten nicht nur einen Nähkurs besuchen, sondern auch Deutsch lernen und gleichzeitig eine Kinderbetreuung sowie eine Nachmittagsbetreuung für ihre Schulkinder in Anspruch nehmen. So kamen unter anderem Deutschkurse, Beratung und Psychotherapie hinzu.

Heute sind die Lebensumstände der Frauen und damit auch die Anforderungen an unsere Arbeit komplexer. Themen wie Aus- und Weiterbildung, Selbstbestimmung und finanzielle Unabhängigkeit spielen eine wichtige Rolle. In der Beratung geht es häufig um Aufenthaltsrecht, Gesundheit, Trennung und Scheidung, häusliche Gewalt oder belastende Lebenssituationen. Mit Angeboten wie Miteinander Wirtschaft Lernen stärken wir zudem die finanzielle und wirtschaftliche Selbstständigkeit von Frauen.

Ihr verbindet Beratung, Bildung und Psychotherapie. Warum ist es wichtig, diese Bereiche zusammenzudenken?

Die Lebenssituationen von Frauen und Familien sind oft vielschichtig und brauchen unterschiedliche Formen der Unterstützung. Beratung, Bildung und Psychotherapie verbinden wir deshalb an einem bekannten und vertrauten Ort zu einem ganzheitlichen Unterstützungssystem. So können Frauen unkompliziert zwischen den Angeboten wechseln, etwa von der Beratung in einen Deutschkurs oder in die Psychotherapie.

Besonders über die Deutschkurse erreichen wir auch bildungsbenachteiligte Frauen, die aufgrund von Sprachbarrieren oder sozialer Isolation oft nur schwer Zugang zu Unterstützung finden. Es ist wichtig, die verschiedenen Lebensbereiche gemeinsam zu betrachten: Familiäre oder gesundheitliche Belastungen können etwa eine Jobsuche erschweren. Eine nachhaltige berufliche Integration wird daher oft erst möglich, wenn die psychische Gesundheit stabilisiert und gestärkt ist.

„Bildung öffnet den Weg in die Selbstbestimmung und fördert die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen.“

Welche strukturellen Hürden begegnen Frauen mit Migrationserfahrung besonders häufig?

Viele Frauen erleben Mehrfachdiskriminierung aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Herkunft. Das zeigt sich etwa am Arbeitsmarkt durch prekäre Beschäftigung, Diskriminierung aufgrund von Namen oder religiöser Kleidung sowie durch erschwerten Zugang zu qualifikationsgerechter Arbeit. Viele Frauen sind überqualifiziert, können ihre Qualifikationen aber aufgrund langwieriger und teurer Anerkennungsverfahren nicht entsprechend einsetzen.

Sprachbarrieren erschweren zudem den Zugang zu Behörden, das Aufenthalts- und Einbürgerungsrecht sowie die gesellschaftliche Teilhabe. Gesundheitliche und familiäre Belastungen können es zusätzlich erschweren, Anforderungen wie jene der Integrationsvereinbarung zu erfüllen.

Auch fehlende soziale Netzwerke, Einsamkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse sind häufige Herausforderungen. Hinzu kommt die Mehrfachbelastung durch Care-Arbeit: Schwierige Vereinbarkeit von Arbeit, Weiterbildung und Kinderbetreuung – insbesondere aufgrund fehlender kostenloser und qualifizierter Betreuungsplätze für unter Dreijährige – erschwert den Zugang zu Bildung und Spracherwerb.

Welche Rolle spielen Bildung und Sprache für die Selbstbestimmung von Frauen?

Bildung und Sprache sind zentrale Voraussetzungen für Selbstbestimmung, Chancengleichheit und finanzielle Unabhängigkeit. Sie ermöglichen Frauen, ihre Rechte zu kennen, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen und am sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen.

Bildung vermittelt zudem wichtige Orientierung im Alltag, etwa im Umgang mit Behörden oder dem Schulsystem, und stärkt die Gesundheits- und Finanzkompetenz. Gerade für Frauen, die aufgrund von Sprachbarrieren oder Unsicherheit in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, schafft sie mehr Sicherheit und Handlungskompetenz.

Darüber hinaus hilft Bildung, Gewalt zu erkennen und sich mit ihren psychischen, physischen und strukturellen Folgen auseinanderzusetzen.

Was braucht es von der Politik, damit Frauen unabhängig von Herkunft und Lebenssituation selbstbestimmt leben können?

Es braucht langfristige, verlässlich finanzierte Strukturen statt kurzfristiger Projekte. Niederschwellige Deutschkurse, psychotherapeutische und rechtliche Beratung müssen zusammengedacht werden, um Frauen aus der Isolation zu holen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihnen Orientierung zu geben.

Besonders wichtig ist leistbare, flächendeckende und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung, insbesondere für Kinder unter drei Jahren. Nur wenn Care-Arbeit gerecht verteilt oder staatlich aufgefangen wird, haben Frauen die Möglichkeit, sich weiterzubilden und beruflich unabhängig zu werden.

Auch die Anerkennung ausländischer Abschlüsse muss vereinfacht, beschleunigt und kostenfrei werden. Gleichzeitig braucht es wirksame Maßnahmen gegen intersektionale Diskriminierung am Arbeitsmarkt. Nicht zuletzt braucht es verlässliche politische Rahmenbedingungen, die Frauen vor Gewalt und Diskriminierung schützen und ihnen soziale und psychologische Unterstützung sichern. Nur so kann echte Chancengleichheit nachhaltig verankert werden.

Angebote für Frauen in Wien

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